BO-Kraftkreis nach § 32d StVZO erklärt: Die freie Alternative zur RBSV

Wenn Sie eine Schleppkurve berechnen wollen, ohne die RBSV 2020 zu lizenzieren, ist Ihr wichtigster gesetzlicher Anker der BO-Kraftkreis. Die Bezeichnung steht für Betriebsordnungs-Kraftkreis und stammt aus § 32d der Straßenverkehrs-Zulassungs-Ordnung (StVZO). Anders als die RBSV ist die StVZO ein Bundesgesetz und damit nach § 5 UrhG gemeinfrei – Sie dürfen die Werte beliebig zitieren, in CAD-Programme einpflegen und in Software einbauen. Dieser Artikel erklärt, was der BO-Kraftkreis ist, woher er kommt und wie Sie ihn als rechtssichere Alternative zur RBSV einsetzen.
Der Wortlaut von § 32d StVZO
§ 32d Abs. 1 StVZO lautet im Original: „Kraftfahrzeuge und Fahrzeugkombinationen müssen so gebaut und eingerichtet sein, dass einschließlich mitgeführter austauschbarer Ladungsträger (§ 42 Absatz 3) die bei einer Kreisfahrt von 360 Grad überstrichene Ringfläche mit einem äußeren Radius von 12,50 m keine größere Breite als 7,20 m hat."
Auf Deutsch: jedes auf deutschen Straßen zugelassene Fahrzeug muss innerhalb eines Außenradius von 12,50 m wenden können, wobei die dabei überstrichene Kreisringfläche höchstens 7,20 m breit sein darf. Aus diesen beiden Werten ergibt sich der konventionelle Innenradius von 5,30 m (12,50 m − 7,20 m) — er steht nicht wörtlich im Gesetz, ist aber die rechnerisch zwingende Folge und die in der Planungspraxis durchgängig verwendete Größe. Erfüllt ein Fahrzeug die Anforderung nicht, bekommt es keine Betriebserlaubnis. Sie gilt für Pkw, Lkw, Sattelzüge, Lastzüge und auch Sonderfahrzeuge wie Müllfahrzeuge oder Drehleitern. Sonderregelungen enthalten § 32d Abs. 2 StVZO (selbstfahrende Mähdrescher) und Abs. 3 (Gelenkomnibusse).
| Wert | Maß | Quelle |
|---|---|---|
| Außenkreis (Halbmesser) | 12,50 m | § 32d Abs. 1 StVZO — wörtlich |
| Ringbreite | 7,20 m | § 32d Abs. 1 StVZO — wörtlich |
| Innenkreis (Halbmesser) | 5,30 m | aus 12,50 m − 7,20 m abgeleitet, nicht wörtlich im Gesetz |
| Außenkreis (Durchmesser) | 25,00 m | aus 2 × 12,50 m abgeleitet |
Warum das eine geniale Planungshilfe ist
Wenn Sie für ein Projekt nicht wissen, welches konkrete Fahrzeug der maßgebende Bemessungsfall ist, können Sie sich auf den BO-Kraftkreis berufen: alles, was zugelassen ist, passt da rein. Der BO-Kraftkreis ist die gemeinsame untere Grenze – die "kleinste gemeinsame Wendefähigkeit" aller deutschen Straßenfahrzeuge.
Konkret lassen sich daraus mehrere Planungswerte ableiten:
- Mindestkurvenradius am Außenrand: 12,50 m. Wenn Ihre geplante Fahrbahnaußenkante einen Kurvenradius ≥ 12,50 m hat, kann jedes zulassungsfähige Fahrzeug (Pkw bis Sattelzug) die Kurve durchfahren – ohne dass Sie die exakten Schleppkurven kennen müssen.
- Maximaler Wendekreisdurchmesser im Worst Case: 25,00 m. Wendeplätze müssen mindestens 25 m × 25 m groß sein, um jedem Fahrzeug das Wenden ohne Mehrfachzüge zu erlauben.
- Befahrbarer Engpass: 7,20 m breite Ringfläche. In einer 90°-Kurve braucht eine zweispurige Fahrbahn entsprechend Platz für Innen- und Außenrand.
Wann die BO-Kraftkreis-Methode reicht – und wann nicht
Reicht aus für:
- Private Bauvorhaben und Vorplanung
- Machbarkeitsstudien und erste Entwürfe
- Bauanträge ohne expliziten RBSV-Verweis im Bauvorbescheid
- Schnelle Plausibilitätsprüfungen ("Passt überhaupt ein Fahrzeug durch?")
- Wendehammer- und Wendekreis-Auslegung
Reicht NICHT aus für:
- Öffentliche Ausschreibungen mit explizitem Verweis auf die RBSV 2020
- Detailplanung mit bestimmten Bemessungsfahrzeugen (z. B. "Müllfahrzeug nach RBSV 2020")
- Schmalere Schleppkurven – der BO-Kraftkreis ist ein Worst-Case-Wert, nicht eine konkrete Fahrzeugkurve
- Rangier- oder Mehrfachfahrten (nur einfache Kreisfahrt geregelt)
Im Zweifel: prüfen Sie den Bauantrag oder die Ausschreibung auf Verweise auf RBSV 2020, RAS-K, RASt 06 usw. Wenn dort keine konkrete Norm gefordert ist, sind die StVZO-Werte ein rechtssicherer Boden.
Worked Example: Eine 90°-Kurve in einer Wohnstraße
Sie planen eine 90°-Abbiegung in einer Wohnstraße. Was ist der minimale Kurvenradius, mit dem die Müllabfuhr klarkommt?
- Minimaler Außenradius nach BO-Kraftkreis: 12,50 m – das ist die unterste gesetzliche Grenze.
- Bordsteinabstand: rechnen Sie 0,5 m Sicherheit auf jeder Seite ein → effektiver befahrbarer Außenradius muss 13,00 m sein.
- Innerer Schleppkreis-Radius: für ein typisches 2-achsiges Müllfahrzeug ca. 7,5 m (etwas mehr als der aus § 32d abgeleitete Mindest-Innenradius von 5,30 m, weil reale Müllfahrzeuge wegen ihrer Länge und ihres Hecküberhangs einen größeren Innenradius brauchen).
- Mindest-Fahrbahnbreite in der Kurve: 13,00 m − 7,5 m = 5,50 m → die RASt 06 fordert in vergleichbaren Fällen ohnehin eine Verbreiterung auf mindestens 5,00 m.
Mit diesem schnellen Check sehen Sie, ob Ihre Planung gesetzlich überhaupt funktionieren kann – ohne eine einzige Lizenz zu kaufen.
Verwandte Leitfäden
- Schleppkurven-Analyse: Der vollständige Leitfaden – die Grundlagen der Schleppkurven-Berechnung und Ackermann-Geometrie.
- RBSV 2020 Bemessungsfahrzeuge erklärt – die drei Wege zu RBSV-konformen Bemessungsfahrzeugen (Originalregelwerk, PathSweeper Projekt Pass für 29 € einmalig, oder freie StVZO-Werte).
Berechnen Sie Ihre Schleppkurve kostenlos im Browser mit dem PathSweeper Free Tier – mit Standardfahrzeugen (Pkw, Transporter, Lkw, Bus) für Machbarkeitsstudien und Plausibilitätsprüfungen. Für RBSV-2020-Bemessungsfahrzeuge: Projekt Pass für 29 € einmalig pro Projekt.